NRW hält zusammen

Das Handwerk in Corona-Zeiten

Von „systemrelevant, aber verkannt“ bis „echt goldener Boden“: Schlaglichter der Stimmung im regionalen Handwerk

„Uns hat Corona bislang überhaupt nicht geschadet – ganz im Gegenteil: Die Kunden nehmen am Wochenende sogar ein halbstündiges Schlangestehen vor dem Laden in Kauf!“ Bäckermeister Meinolf Erdmann (Hamm) freut sich, dass er seinen Umsatz in Corona-/CoVid19-Zeiten spürbar verbessern konnte, „denn viele Menschen sind jetzt vermehrt zuhause und setzen zunehmend auf frische Ware aus der Region. Das führt sie dann häufiger natürlich in die Geschäfte der Lebensmittel-Handwerke!“ Erdmann leitet seine Bäckerei mit 14 Mitarbeiterinnen und Backstube und Verkauf mit zwei Filialen. Da er keinen Cafe-Bereich (mit verschärften Sicherheitsregeln) betreibt, kommt der 57jährige mit den „normalen“ zusätzlichen Maßnahmen sehr gut zurecht: Mindestabstand der Kunden, Desinfektionsmittel, Mund-Nase-Schutz gehören zur alltäglichen Ausrüstung. Handwerkskollege Detlef Kunkel (Lippstadt, Bäckerei Wietfeld) sieht seine Lage da schon etwas kritischer. „Durch den plötzlichen Wegfall des täglichen Liefergeschäfts an Altenheime, Schulen und Kindertagesstätten mussten wir sehr schnell im Produktionsbereich auf Kurzarbeit umstellen. Und unseren Café-Bereich in der City-Filiale haben wir derzeit noch gar nicht wieder eröffnet, weil der zusätzliche Aufwand den absehbaren Ertrag nicht rechtfertigen würde!“ Was den 54jährigen Chef von 28 MitarbeiterInnen aber sehr verärgert, sind „vor allem die öffentlichen Verwaltungen zum Beispiel bei Krankenkassen, der Berufsgenossenschaft oder den Versicherungen, die sich zu Corona-Zeiten zumeist auf unabsehbare Zeit einfach ins homeoffice verabschiedet haben.“ Seine Erfahrung: Wer als Arbeitgeber da schnell und verlässlich Auskunft braucht, wird mit Telefon-Hotlines, die dann irgendwann im off landen, oftmals allein gelassen. „Und dabei sind gerade wir Bäcker, Konditoren oder Fleischer als Lebensmittel-Handwerker doch besonders systemrelevant, dachte ich!“

Es wird gebaut

Der Bereich der Bau- und Ausbau-Handwerke hat die (erste) Hochphase der Pandemie recht gut überstanden, wie Stuckateurmeister Uwe Kückelheim (Anröchte), Zimmerermeister Friedrich Korte (Hamm) und Ulrich Grommes (Hamm, Geschäftsführer der H.W. Grommes GmbH, Sanitärbetrieb) übereinstimmend betonen: „Der Endkunde profitiert weiterhin von den niedrigen Zinsen und setzt das aktuell gern in Bau- oder Sanierungsprojekte um. In Bezug auf Corona haben wir unsere Baustellen-Teams kleinteiliger aufgestellt, sodass sich zu Arbeitsbeginn nicht mehr alle auf dem Firmenhof treffen müssen. An den Baustellen selbst kommt man sich natürlich schon mal näher, aber mit der inzwischen üblichen Hygiene-Regeln finden wir auch hier immer Lösungen“, wie Kückelheim -Chef von 15 MitarbeiterInnen- erzählt. „Unsere Auftragsbücher sind immer auf rund sechs Monate in die Zukunft gefüllt – da macht die Corona-Zeit keinen Unterschied“, wie Ulrich Grommes feststellt. Für sein 27-Mann-Team vermisst er am meisten die Möglichkeit, firmeninterne Feiern oder Events zur Mitarbeiter-Bindung anzubieten: „Auch die jährliche Weihnachtsfeier steht sehr infrage. Das Zwischenmenschliche leidet doch sehr in diesem Jahr.“ Zimmerermeister Korte hatte zu Beginn der Pandemie zunächst vor allem sich Sorge um seine Mitarbeiter mit Vorerkrankungen. So teilte er seine 25köpfige Mannschaft schließlich in drei Teile auf, was bis heute gut funktioniert. Kortes Bedenken gehen aktuell in eine ganz andere Richtung: „Das Interesse der Kunden an nachhaltigem Bauen mit Holz wächst erfreulich weiter – aber unser Bauholz (zumeist heimische Fichte) kommt durch zu trockenes Wetter und die Borkenkäfer-Plage nicht mehr mit. Wir werden hier in Zukunft noch arge Probleme bekommen.“

Es wird geschnitten

Andere Gewerke -wie die Friseure- bekamen die ganze Härte des Lockdowns zu spüren. „Nach 40 Jahren Selbstständigkeit musste ich mich zum ersten Mal mit Kurzarbeit für unsere 19 MitarbeiterInnen beschäftigen – ganz zu schweigen von den sechs Wochen Zwangsschließung der Salons“. Nobert Bitter (Friseurmeister im Lippetal) zählt auf, was er in seinem Salon alles machen musste, um ab Anfang Mai wieder öffnen zu dürfen: „Zutrittskontrolle der Kunden, Desinfektionsmittel -zunächst noch selbst hergestellt!-, Mund-Nase-Schutz auch für die Kundschaft, Handschuhe, mobile Trennwände, Abklebungen auf den Fußböden um Laufrichtung und Abstände zu gewährleisten, Begleitung der Kunden zum Bedienplatz, keine Zeitschriften, keine Getränke, kein Wartebereich im Salon, sondern Schlange stehen draußen und so weiter – trotzdem waren die Kunden zufrieden, dass wir ihnen wieder die Haare scheiden durften.“ Aktuell seien (fast) alle Schul-Entlassfeiern ausgefallen und auch Schützenfeste könnten nicht stattfinden, „auch hier entgeht uns viel Geschäft“, wie auch Kollege und Friseurmeister Björn Barthold (Fröndenberg) betont. Kein „gutes Haar“ läßt der Chef von 11 MitarbeiterInnen an wichtigen Institutionen wie etwa der Berufsgenossenschaft. „Hier flossen wichtige Infos nur spärlich oder viel zu langsam. Informellere Kanäle zwischen den Kollegen und der Innung waren da viel effektiver und hilfreicher, teilweise von heute auf morgen!“ Er wünscht sich, dass speziell in seinem Gewerk viel mehr Corona-Tests (auf freiwilliger Basis) durchgeführt würden, das gäbe Sicherheit für Mitarbeiter und Kunden gleichzeitig. „Profi-Fußballer werden engmaschig getestet, Profi-Friseure mit viel mehr Körperkontakt nicht? Das passt nicht zusammen!“ Barthold erhofft sich zudem, das die Pandemie dem Bereich der Digitalisierung weiteren Schub geben wird. „Wir können und müssen digitaler werden: Sei es bei der Beschulung unserer Auszubildenden (die in Corona-Zeiten leidet), sei es bei der Informationsbeschaffung für den Betrieb oder auch einfach für die Unterhaltung der Kunden.“ In seinem Salon nutzt er -statt zeitweise aus Hygienegründen verbotener Zeitschriften- das Media-Box-Angebot des Hellweger Anzeigers: Über einen gesponserten Bildschirm wird die Kundschaft mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt versorgt. Der Friseurmeister macht Mut: „Gerade das Handwerk allgemein und unser Gewerk im Speziellen wird in Zukunft immer gefragt bleiben: Der Boden wird sicherlich in Zukunft noch goldener!“

Es wird schwierig

In anderen Bereichen des Handwerks machen sich langfristige Auswirkungen immer stärker bemerkbar. So bei Maschinenbaumechanikermeister Willi Seiger (Lippstadt), der für seinen Wirtschaftszweig gar nicht optimistisch ist. „In unserer Branche wird die Krise jetzt erst so richtig spürbar, weil bereits alle Messen ausgefallen sind, wichtige Zulieferer bereits in der Insolvenz stecken – und die eventuell aufgenommen KfW-Hilfskredite ja auch wieder zurückgezahlt werden müssen. Da müsse jeder Betrieb ganz genau für sich nachrechnen, ob solche Art Hilfe nicht in Zukunft zur großen Belastung werde. In seinem Drehmaschinenbau-Unternehmen mit derzeit knapp 60 MitarbeiterInnen muss Seiger in diesem Jahr bereits ein Minus bei den Auftragseingängen von bis zu 50% (!) verkraften. Auch in seinem Betrieb wurde daher kurzgearbeitet, insbesondere in der Verwaltung und in der Konstruktion. Seiger lobt zwar die in der Krise doch sehr schnellen, parteiübergreifenden Beschlüsse der Politik, mahnt hingegen: „Unsere Branche war nicht von Anfang an betroffen. Wir werden aber sicherlich bis weit ins nächste Jahr spürbar belastet sein.“ Daher brauche sein Gewerk unbedingt eine Verlängerung der Kurzarbeiter-Regelungen über die Jahresfrist 2020 hinaus.

Kurzarbeit kam und kommt weiterhin für Kraftfahrzeugmechanikermeister Frank Fahnemann aus Wickede nicht in Frage. „Als einer von nur wenigen Betrieben in der Region haben wir uns schon seit langem auf den Lkw-Service ausgerichtet – und sind daher seit Beginn der Krise systemrelevant immer im Einsatz, denn: Lkw müssen rollen, sonst bricht die Versorgung zusammen!“ Mit aktuell 15 MitarbeiterInnen bietet er (nicht nur zu Corona-Zeiten) einen Übernachtreparatur- und 24-Stunden-Service an. Mit Blick auf die einzuhaltenden Hygieneregeln und bereits im Vorgriff auch auf die kommenden, kälteren Monate hat Fahnemann rund 12.000€ in Bau und Ausstattung eines abgetrennten Fahrer-Warteraumes gesteckt: So können seine Kunden auch in der demnächst wieder einsetzenden Schlechtwetter- und Erkältungszeit weiterhin kommen und hygienekonform auf die notwendigen Reparaturen an Ort und Stelle warten. Fahnemann betont: „Was mir am meisten fehlt -neben interessierten jungen Auszubildenden für unser Gewerk- ist aber die Wertschätzung des Handwerks ganz allgemein in unserer Gesellschaft: Gerade auch in der Corona-Krise halten wir Handwerker das Land am Laufen!